Schimmelpilze in Innenräumen als (Mit-) Ursache umweltmedizinischer Erkrankungen
Zusammenfassung eines Fachartikels von Dr. med. Frank Bartram, Facharzt für Allgemein- und Umweltmedizin, veröffentlicht in „umwelt·medizin·gesellschaft" (2010)
Worum es in dem Artikel geht
Dr. Bartram betreibt eine auf kurative Umweltmedizin spezialisierte Praxis und beschreibt in diesem Fachartikel seine langjährigen Erfahrungen mit Patienten, bei denen versteckte Schimmelpilzquellen in Innenräumen eine wesentliche Mitursache für umweltassoziierte Erkrankungen darstellten. Der Artikel behandelt Symptomatik, mögliche Wirkmechanismen, diagnostisches Vorgehen sowie praktische Hinweise zur Aufdeckung verborgener Schimmelquellen.
Warum Schimmel in Innenräumen entsteht
Physikalisch hängt die Kondensation von Luftfeuchtigkeit stark von der Raumtemperatur ab: Kühlt sich Raumluft von 20°C auf 15°C ab, kondensiert ein relevanter Teil des enthaltenen Wasserdampfs – meist an den kältesten Oberflächen im Raum.
Der Artikel weist besonders auf ein bauliches Risiko hin: Werden Wände von innen mit Dämmmaterial versehen und anschließend mit Gipskartonplatten verkleidet, kann sich dahinter unbemerkt Feuchtigkeit sammeln, da Gipskarton auf Zellulosebasis einen guten Nährboden für Schimmel bietet, sobald die Rückseite feucht wird. Das gilt insbesondere für nachträglich dedämmte Dachschrägen.
Wie verbreitet ist die Belastung?
Der Artikel zitiert eine Auswertung des Instituts für Toxikologie der Universität Kiel (Fallverläufe 1995–1997), die zeigt, wie häufig verschiedene Umweltfaktoren bei Patienten mit umweltassoziierten Erkrankungen als Belastung nachgewiesen wurden:
Wichtig: Bei fast der Hälfte der untersuchten Fälle lagen mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig vor – Schimmel tritt selten isoliert auf.
Worauf bei der Wohnraum-Anamnese geachtet wird
Der Artikel beschreibt einen strukturierten Fragenkatalog, den Umweltmediziner nutzen, um mögliche Schimmelquellen einzugrenzen. Dazu zählen unter anderem:
Mögliche gesundheitliche Beschwerden
Der Artikel ordnet die berichteten Beschwerden in drei Kategorien:
Wiederkehrende Nebenhöhlenentzündungen, Bronchitiden, allergische Atemwegserkrankungen, teils auch Verdauungsbeschwerden
Allergien vom Typ I, III und IV, sowie vorübergehende Autoantikörperbildung, die sich nach erfolgreicher Sanierung oft zurückbildet
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Wortfindungsstörungen, Schlafstörungen, Schwindel
Der Artikel betont ausdrücklich: Die Symptomatik ist unspezifisch und individuell verschieden – es gibt keine "klassischen" Symptome, die eindeutig auf Schimmel hinweisen.
Diagnostisches Vorgehen laut Artikel
Als ersten Schritt beschreibt Bartram die Bestimmung spezifischer IgG-Antikörper gegen typische Innenraum-Schimmelpilze (v. a. Aspergillus- und Penicillium-Arten) aus dem Blutserum. Auffällige Werte spiegeln dabei die Exposition der letzten 2–3 Wochen vor der Blutabnahme wider und eignen sich daher auch zur Verlaufskontrolle.
Bei bestätigtem Verdacht kommen laut Artikel weitere Testverfahren zum Einsatz: der Basophilen-Degranulations-Test (BDT) für Soforttyp-Reaktionen sowie der Lymphozytentransformationstest (LTT) für verzögerte, T-Zell-vermittelte Reaktionen. Bartram beschreibt außerdem eine von ihm mitentwickelte Methode, bei der Patienten selbst Nährböden (Malzextraktagar) an ihren Aufenthaltsorten aufstellen, um die im Labor getesteten Schimmelproben direkt aus der tatsächlichen Wohnumgebung zu gewinnen – statt nur mit industriellen Standard-Antigenen zu testen.
Ergänzend kann laut Artikel der Zytokin-Effektorzellstatus (z. B. Interferon-gamma, TNF-alpha) Hinweise auf eine systemische Entzündungsreaktion liefern, die eine Expositionsvermeidung zusätzlich begründen kann.
Toxische Emissionen von Schimmelpilzen
Neben Allergien beschreibt der Artikel drei relevante Stoffgruppen:
Beispiele aus der Tabelle des Artikels:
| Schimmelpilzart | Mykotoxin (Wirkung) |
|---|---|
| Aspergillus versicolor | Sterigmatocystin (immunsuppressiv) |
| Aspergillus fumigatus | Gliotoxin (immunsuppressiv) |
| Stachybotrys chartarum | Makrozytäre Trichothecene (neurologisch, schleimhautschädigend, immunbelastend) |
Prophylaxe & Wohnungswahl
Der Artikel sieht einen wesentlichen Grund für die Zunahme schimmelbedingter Erkrankungen in der breiten Verwendung von Dämmstrategien, die zwar Heizkosten senken, aber bei fehlerhafter Umsetzung Feuchtigkeit im Gebäude zurückhalten können.
Für Betroffene, die eine neue Wohnung suchen, enthält der Artikel eine Checkliste möglicher Risikofaktoren, unter anderem:
Kernaussage des Artikels
Versteckte Schimmelquellen sind nach Bartrams Praxiserfahrung eine häufig übersehene (Mit-)Ursache umweltassoziierter Erkrankungen. Da die Beschwerden unspezifisch sind, empfiehlt er eine strukturierte Anamnese, gezielte Labordiagnostik und – bei bestätigtem Verdacht – die konsequente Verminderung der Exposition als zentrales Behandlungsprinzip der kurativen Umweltmedizin.
Quelle: Bartram, F. (2010): Schimmelpilzexpositionen in Innenräumen als (Mit-)Ursache umweltmedizinischer Erkrankungen. umwelt·medizin·gesellschaft, 23(3), 181–190.
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